MED Facharztzentrum
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Macht die Schilddrüse dick und müde?

20. Dez 2013

Über den Zusammenhang zwischen Schilddrüse und Übergewicht aus dem Hormon- & Stoffwechselzentrum

Die Familie von Frau Keller wird ja seit langem im MED Facharztzentrum behandelt. Nun bemerkte die 30-jährige Nichte von Frau Keller, die am Ende ihres Studiums zurzeit an ihrer Masterarbeit sitzt, dass sie ungewollt 15 kg Gewicht in einem ½ Jahr zugenommen hatte. Ihr wurde jetzt gesagt, das käme bestimmt von der Schilddrüse.

Die Überfunktion der Schilddrüse macht schlank.

Patienten mit einer manifesten Überfunktion der Schilddrüse nehmen ungewollt Gewicht ab. Es kommt zu einer Aktivierung des Grundumsatzes mit einer Abnahme von Fettmasse, schließlich Muskelschwund und schlussendlich Reduktion der Knochenmasse im Sinne einer Osteoporose. Die Schilddrüse produziert die Schilddrüsenhormone T4 und T3. T4 ist biologisch wenig aktiv und wird von der Schilddrüse aber vor allem auch von allen peripheren Körperzellen in das aktive Schilddrüsenhormon T3 umgewandelt.

Das Steuerungshormon TSH wird in der Hirnanhangsdrüse gebildet und reguliert die Schilddrüsenfunktion. Produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone steigt TSH an und umgekehrt. Bei der Überfunktion der Schilddrüse ist TSH also erniedrigt.

Macht die Unterfunktion der Schilddrüse immer dick?

Aus den Erfahrungen mit Überfunktionspatienten würde man sofort rückschließen, dass die Unterfunktion der Schilddrüse dick mache. Dies ist aber nicht in jedem Fall so. In einer Studie aus dem Jahre 2011 konnte gezeigt werden, dass es bei Patienten mit manifester Unterfunktion der Schilddrüse durch die Gabe von Schilddrüsenhormonen zunächst zu einer Ausschwemmung von überflüssigem Wasser kam. Die Fettmasse blieb aber mehr oder weniger unverändert. Bei dicken Kindern wurde gezeigt, dass proportional zum Anstieg des BMI, des so genannten Körpermasseindex, auch TSH und das freie T3 ansteigen. T4 bleibt gleich. Es wird daher diskutiert, ob es bei Zunahme der Fettmasse, ähnlich wie bei der Insulinresistenz beim Zuckerpatienten, auch zu einer Schilddrüsenhormonresistenz kommt.

Patienten, die eine Gewichtsabnahme durch Bewegung, Diät oder Magenoperationen herbeiführen, normalisieren auch ihre Schilddrüsenfunktion, ohne dass hier mit Hormongabe in die Schilddrüsenfunktion eingegriffen wurde. Eine Hormonresistenz bedeutet, es ist genug oder sogar zu viel Hormon im Blut, aber es kann nicht
wirken.

Macht die Schilddrüse dick und müde?

Fettzellen regulieren selbst die Schilddrüse.

Angeschwollene Fettzellen (sogenannte Adipozyten) regulieren die Schilddrüse über das Fetthormon „Leptin“. Je dicker ein Mensch, desto höher sein Leptin. Dieses Leptin steigert in manchen peripheren Geweben die T3-Bildung aus T4. Dieser Mechanismus ist bei schwerem Übergewicht vermutlich außer Kraft gesetzt.

Der böse „Jojo-Effekt“

Nach einer Gewichtsreduktion kommt es bekanntlich sehr oft zum befürchteten Jojo-Effekt, insbesondere, wenn man wieder in alte Verhaltens- und Ernährungsmuster zurückfällt. Dies ist dadurch bedingt, dass der „Schalter“ bzw. „Setpunkt“ für die Körpermasse länger erhalten bleibt, als die gewichtsreduzierenden Maßnahmen durchgeführt werden.

Der Körper versucht dadurch, so schnell wie möglich auf die alte Körpergewichts-„Norm“ zurückzukommen. Das heißt also, man muss die gewichtsreduzierenden Maßnahmen weiter durchführen. Das hält man aber nur durch, wenn diese auch mit Erhalt der Lebensqualität vereinbar sind.

Gefährliche Gewichtsreduktion durch Schilddrüsenhormon

Durch hohe Dosen von Schilddrüsenhormonen, insbesondere durch die Gabe des biologisch aktiven T3, kommt es zu einer Gewichtsabnahme wie bei einer Schilddrüsenüberfunktion.

Dies geschieht auf Kosten des Knochen- und Herzstoffwechsels. Schilddrüsenhormone müssen so hoch dosiert werden, dass laborchemisch eine manifeste Überfunktion messbar wird. Das TSH wird im Blut erniedrigt gemessen. Solche Patienten haben dann ein hohes Risiko, Herzrhythmusstörungen oder gar Schlaganfälle zu erleiden. Potentiell sind
solche Maßnahmen also lebensbedrohlich. Gleichzeitig wird durch hohe Schilddrüsenhormone auch der Appetit angeregt, insofern ist häufi g ein Abnehmversuch mit hohen Schilddrüsendosen frustran, da die Nahrungsaufnahme auch gesteigert wird.

Sehr bedenklich sind Produkte im Internet, die als sogenannte „Naturprodukte“ bzw. „natürliche Schilddrüsenunterstützung“ oder „Schilddrüsenhelfer“ verkauft werden und erwerbbar sind. Diese sogenannten T3-Analoga (Schilddrüsenhormon-ähnliche Substanzen) zur Gewichtsabnahme führen häufi g zu massiven Komplikationen im Sinne einer toxischen Schilddrüsenkrise.

Wie kann man nach einer Unterfunktionsphase wieder Gewicht abnehmen?

Nach Normalisierung der Schilddrüsenfunktion durch die Gabe von L-Thyroxin in adäquaten Dosen (TSH sollte normal sein, d.h. zwischen 0,4 und 4,0 mU/L liegen) können wirkungsvolle gewichtsreduzierende Maßnahmen wie Diät und Sport erst wirken. Daher sollte man auch erst nach 4 bis 6 Wochen mit normalisierten Schilddrüsen-Werten damit beginnen, sonst ist man schon vorher frustriert.

Was sind optimale gewichtsreduzierende Maßnahmen?

Die Ernährung muss ausgewogen sein. Eiweiß- und Ballaststoffzufuhr
sind hier unseres Erachtens die besten Maßnahmen. Die Nüchternzeiten sollten so lange wie möglich gehalten werden, um so einen Insulinanstieg zu verhindern.

Am besten die 4-4-12 Regel befolgen – Diese Regel besagt: Essen Sie nichts für 4 Stunden zwischen Frühstück und Mittagessen, nichts für 4 Stunden zwischen Mittagessen und Abendessen und nichts für 12 Stunden zwischen dem Abendessen und dem Frühstück. Auf freie Zucker, ggfs. auch auf Fruktose, sollte verzichtet werden.

Ballaststoffreiche, in Matrix verpackte Produkte in Pulverform, wie z. B. Bios Life® Slim in Kombination mit Chlorophyll sind hilfreich, um erstens die Lipidaufnahme aus der Nahrung zu reduzieren und, um zweitens einen Spurenelementemangel zu verhindern. Chlorophyll verhindert dabei die Übersäuerung des Körpers während der Gewichtsreduktion.

Bei allem darf es zu keiner Reduktion der Muskelmasse kommen. Es gibt keinen Fettabbau ohne Muskelarbeit. Bei sportlichen Aktivitäten ist auf ein ausgewogenes Training zu achten. Hierbei sind Ausdauersportarten und
Muskelaufbautraining in regelmäßigen Zeiten zu absolvieren. Die Fettverbrennung beginnt erst 20 Minuten nach Beginn des Trainings. Der optimale Trainingspuls sollte zwischen 120 und 140 Schlägen/Minute liegen.

Darüber trainiert man im anaeroben Bereich. Untrainierte sollten sich nicht scheuen, einen „Personaltrainer“ zu bemühen. Sport machen muss erlernt werden. Insgesamt gilt: die Menge verbrannter Kalorien muss die
Menge an aufgenommenen Kalorien übersteigen.

Macht die Schilddrüse dick und müde?

Was machen wir mit der Nichte von Frau Keller?

Die Nichte von Frau Keller bekommt eine komplette Hormon- und Stoffwechselabklärung einschließlich Schilddrüsen-, Hypophysen- und Nebennierenuntersuchungen. Die gewichtsreduzierenden Maßnahmen werden besprochen, praktische Ratschläge erteilt und ggfs. die gewichtsreduzierenden Bemühungen hormonell unterstützt bzw. durch regelmäßige Laborkontrollen begleitet.

Die Nichte von Frau Keller hatte eine normale Schilddrüsenfunktion und keine Schilddrüsenerkrankung. Ihr Insulinspiegel war deutlich erhöht, sie hatte aber keine Zuckererkrankung (Diabetes mellitus) und somit wohl doch unbewusst während des Schreibens der Masterarbeit zu viel Kekse gegessen. Optimale Voraussetzungen um durch bewusste Ernährung und mehr Sport wieder abzunehmen.


Bildnachweis: Prof. Wüster; fotolia.com: (c) Hugo Félix

Prof. Dr. Christian WüsterAutor:

Prof. Dr. Christian Wüster
Facharzt für Innere Medizin/Endokrinologie und Diabetologie, Osteologe DVO

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