MED Facharztzentrum
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Die Dünndarm-Kapsel

05. Dez 2011

Eine spannende neue Methode im gastroenterologischen Praxisalltag

„Das soll ich schlucken? Und das filmt dann meinen Darm von innen?“ Ungläubig schaut die 76-jährige Frau Keller auf die etwa bohnengroße Kapsel in ihrer Hand, die, nach Anlage des Aufnahmegerätes an einem Gurt um ihren Bauch, auch noch anfängt zu blinken. Seit Jahren leidet Frau Keller unter einer Blutarmut unklarer Ursache, die auch schon mehrfach
Bluttransfusionen erforderlich machte. Alle bisherigen Untersuchungen hatten nicht klären können, woher die Blutungen stammen.

„Wow, echt spacig“ kommentiert die 21 jährige Nadine Franke in der gleichen Situation, und so hat zeitgleich die Patientin eine neue Untersuchungs-Methode kennengelernt und die behandelnde Gastroenterologin ihr Vokabular erweitert. Bei Frau Franke geht es um die Frage, ob ihre Bauchbeschwerden und die immer wieder auftretenden
Durchfälle, die bisher als Reizdarm gedeutet wurden, nicht doch mit einer chronischen Entzündung des Dünndarmes, wie bei Morbus Crohn, zusammenhängen.

Seit der Erstvorstellung der Dünndarmkapsel auf dem amerikanischen Jahreskongress der Gastroenterologen im Jahr 2000 verblüfft diese neue Methode anhaltend Laien und Mediziner gleichermaßen. Eine 26 x 11 mm
große Kapsel (das entspricht in etwa einer größeren Antibiotika-Tablette) wird zur Untersuchung des Dünndarmes vom nüchternen Patienten geschluckt. Durch die extrem glatte Oberfläche und günstige Form der Kapsel gelingt dies problemlos, auch bei Patienten die sonst Schwierigkeiten beim Schlucken von Medikamenten haben.

Die Kapsel enthält eine Kamera, die über mindestens 8 Stunden 2 Bilder pro Sekunde macht, d.h. etwa 60.000 Bilder vom Inneren des Dünndarmes anfertigt. Diese werden über einen Sender in der Kapsel an das Aufnahmegerät
geschickt, welches der Patient an einem Gurt um den Bauch während der Untersuchungszeit trägt (ähnlich wie bei der Aufnahme eines Langzeit-EKGs). Die Kapsel verlässt den Körper auf natürlichem Wege. Sie muss nicht wieder eingesammelt werden (eine häufige Frage der Patienten!). 

Wichtige Begrifflichkeiten
Wichtige Begrifflichkeiten

Anschließend werden die Daten vom Recorder auf den Praxiscomputer übertragen. Hier können die Aufnahmen mit detailgetreuer Bildqualität (wie ein Film aus dem Inneren des Patienten) dann gründlich ausgewertet
werden. Zuvor war der 4 bis 7 Meter lange Dünndarm der direkten
Diagnostik nur schwer zugänglich. Bei der Endoskopie des oberen Magen-Darm-Traktes (Ösophago-Gastro-Duodenoskopie, „Magenspiegelung“) wird mit dem Zwölffingerdarm das obere Ende des Dünndarmes betrachtet, bei der Endoskopie des unteren Magen-Darm-Traktes (Kolo-Ileoskopie, „Darmspiegelung“) meist auch über einige cm das untere Ende des Dünndarmes (das terminale Ileum). Der größte Teil des Dünndarmes kann jedoch durch die herkömmliche Endoskopie nicht beurteilt werden. Bislang war eine Untersuchung des Dünndarmes möglich mittels Röntgen (Dünndarm-Doppelkontrast nach Sellink) oder Kernspintomographie (Hydro-
MRT), auch durch Ultraschall mit hochauflösenden Geräten. Hierbei werden jedoch relativ häufig (bedingt durch die eingeschränkte Aussagekraft der Methoden) Schleimhautveränderungen übersehen. Eine direkte Endoskopie
des Dünndarmes ist möglich mittels überlanger spezieller Endoskope (z.B. Push-and-pull Enteroskopie).

Dies ist jedoch eine invasive, aufwändige Untersuchung, die nur an einigen Klinik-Zentren durchgeführt wird und in der Regel mit einem stationären Aufenthalt einhergeht.

Die Dünndarm-Kapsel-Untersuchung wurde weltweit inzwischen bereits deutlich mehr als eine Million Mal durchgeführt. Dabei bestätigten sich die anfänglichen Ergebnisse, die eine hohe Ausbeute dieser Methode zeigten. Bei einer guten Indikationsstellung (d.h. gezielter Auswahl der Patienten für die diese Untersuchung im Zusammenhang mit ihren Beschwerden tatsächlich sinnvoll ist) findet sich bei bis zu 30-40% der Patienten durch
die Kapsel-Untersuchung eine bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Ursache ihrer Beschwerden mit relevantem Einfluss auf das weitere medizinische Vorgehen. Besonders hilfreich ist die Video-Kapsel bei der Suche nach Blutungsquellen im Dünndarm. Für diese Fragestellung werden die Kosten der Untersuchung inzwischen auch von den gesetzlichen Krankenkassen generell übernommen.

Bei sonstigen Indikationen muss weiterhin im Einzelfall ein begründeter Antrag zur Kostenübernahme bei der Gesetzlichen Krankenkasse gestellt werden. Die privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten bei gegebener
Indikation ohne weiteres. Eine Kapsel-Untersuchung kostet knapp € 1000, wovon € 650 Sachkosten für die Kapsel (als Einmal-Artikel) selbst sind.

Mit der Kapsel kann auch der Dickdarm untersucht werden. In diesem Teil des Darmes ist die herkömmliche Endoskopie jedoch genauer, auch können dabei eventuell vorhandene Polypen gleich abgetragen werden. Daher ist die Kapseluntersuchung z.B. als Alternative zur Vorsorgekoloskopie
(wie vereinzelt beworben) nicht grundsätzlich sondern nur in wenigen Ausnahmefällen sinnvoll.

In unserer Praxis haben wir seit 2006 Erfahrung mit der Kapseluntersuchung. Wir konnten auch bei unseren eigenen Patienten die gute Durchführbarkeit und hohe Aussagekraft der Methode bestätigen.

Indikationen Kapselendoskopie
Indikationen Kapselendoskopie

Bei Frau Keller konnte nach jahrelanger Unklarheit gezeigt werden, dass die Blutarmut durch einen blutenden Polypen im Dünndarm bedingt war. Seit einer Abtragung dieses Polypen im Krankenhaus hat sich das Blutbild normalisiert.

Bei ihrer Nichte zeigte die Kapsel-Untersuchung unauffällige Dünndarm-Schleimhaut. Somit bestätigte sich die bisherige Diagnose eines Reizdarmes. Eine Erweiterung der Behandlung mit entzündungshemmenden
Medikamenten ist nicht notwendig, ebenso besteht kein Anlass für Sorgen über eventuelle langfristige Komplikationen einer chronischen Darmentzündung.

Die Video-Kapsel-Untersuchung des Dünndarmes ist bei den meisten Patienten mit der Frage nach Dünndarmerkrankungen die Methode der ersten Wahl nach vorheriger herkömmlicher Endoskopie (Ösophago-Gastro-Duodenoskopie und Kolo-Ileoskopie). Bleibt zu hoffen, dass sich der aufwändige bürokratische Briefwechsel im Zusammenhang mit den Kostenübernahme-Anträgen der gesetzlichen Krankenkasse in Zukunft bessert!


Dr. Anne Lutz-VorderbrüggeAutorin:

Dr. Anne Lutz-Vorderbrügge
Fachärztin für Gastroenterologie


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