MED Facharztzentrum
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Die vielen Facetten des Burn-out-Syndroms

05. Dez 2011

Burn-out ist eine körperliche und emotionale Erschöpfung aufgrund dauernder Anspannung, ständiger sozialer Begegnungen und täglichen Stresses.

Viele Symptome des Burn-out-Syndroms (siehe Abbildung) können aber auch durch internistische Erkrankungen bedingt sein. Bei Erkrankten mit Burn-out-Syndrom ist es daher wichtig, eine Ursachenforschung zu betreiben.

Abb. 1 Symptome des Burn-out-Syndroms
Abb. 1 Symptome des Burn-out-Syndroms

Es gibt verschiedene Stadien der Erkrankung (siehe Tabelle). Je früher die Therapie beginnt, desto besser sind die Heilungschancen. Herr Franke (Name fiktiv) arbeitet als Führungskraft in einem leistungsorientierten Unternehmen und ist für die Neukunden-Akquise zuständig. Er hat für sich und seine Familie gerade ein Haus gebaut. Die Kinder sind in der Pubertät,
die Frau arbeitet halbtags, in der Familie wird auch noch die an Demenz erkrankte Schwiegermutter versorgt.

Herr Franke hat in den letzten Jahren unmerklich an Gewicht zugenommen, nachdem er seine gewohnten 80 km Radfahren pro Woche zeitlich nicht mehr unterbringen konnte. Unmerklich war seine Leistungsfähigkeit schlechter geworden, er konnte sich nicht mehr gut konzentrieren, er wachte morgens auf und war wie gerädert. Seine Frau berichtet, dass er neuerdings schnarchen würde. Die Lust auf Sex hatte in letzter Zeit abgenommen, Viagra® half Herrn Franke nicht. Er nimmt Metoprolol und Ramipril gegen seinen neuerdings aufgetretenen, erhöhten Blutdruck.

Hier nun ein Interview von MED News mit den verschiedenen Fachärzten aus der MED, die mit der Versorgung bzw. Abklärung von Herrn Franke betraut sind.

MED News: Wie sieht das Management von Herrn Franke in ihrer Lungenpraxis aus?

Dr. Gillmann-Blum (Pneumologie): Wir denken in erster Linie an das Vorliegen eines Schlafapnoe-Syndroms. Hierzu passt auch die Angabe der Ehefrau, dass sie das Gefühl hat, ihr Mann habe nachts Atempausen. Bei
Herrn Franke würde in unserer Praxis eine sog. “ambulante Schlafapnoediagnostik” durchgeführt. Dabei wird über Nacht zuhause mit einem kleinen Gerät festgestellt, ob Atempausen, Sauerstoffabfälle, Schnarchen und Körperlagenwechsel bestehen.

MED News: Wenn man von Leistungsschwäche spricht, denkt man unwillkürlich auch ans Herz. Sind Burn-out-Patienten vermehrt Herzinfarkt gefährdet?

Dr. Guth (Kardiologie): Bei Leistungsschwäche denkt der Kardiologe zunächst an eine Herzklappen- oder Herzmuskelerkrankung. Auch ein durchgemachter Herzinfarkt kann damit einhergehen. Aus diesem Grunde
sollten diese Erkrankungen bei Patienten, die über eine Leistungsschwäche klagen, ausgeschlossen werden. Es wäre fatal, ein Burn-out-Syndrom zu diagnostizieren, wenn der eigentliche Grund für die Beschwerden eine
Herzerkrankung ist.

Umgekehrt haben Burn-out-Patienten mit Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Stress, Rauchen, Fettsucht etc.) ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte.

Stadien des Burnout-Syndroms
Stadien des Burnout-Syndroms

MED News: Nun zur Verdauung. Welche Beschwerden kommen aus dem „Bauch“ heraus? Blähungen? Völlegefühl? Wechselndes Stuhlverhalten?

Dr. Clement (Gastroenterologie): Dies ist richtig, häufig stellt sich ein sog. Reizdarmsyndrom ein. Wir finden in den Magen- oder Darmspiegelungen häufig keinen krankhaften Befund.

MED News: Der sogenannten Weichteilrheumatismus, gelegentlich das Fibromyalgie-Syndrom oder chronische Schmerzen, können Ausdruck eines Burn-out-Syndroms sein oder so aussehen. Wie hilft der Orthopäde, was leistet die Physiotherapie?

Dr. Sarfert (Orthopädie und Unfallchirurgie) und Frau Bianca Kiefer (Physiotherapie): Nach orthopädischer, gegebenenfalls radiologischer Diagnostik, helfen Infiltrationen an Bändern und Gelenken, die Schmerzen
zu lindern. Im Anschluss werden wichtige, entspannungstherapeutische
Maßnahmen, in unserer spezialisierten Physiotherapie-Praxis durchgeführt.

Therapeutische Strategien beim Burnout-Syndrom
Therapeutische Strategien beim Burnout-Syndrom

MED News: Was spricht der Rheumatologe zum Thema Burn-out?

Dr. Kuhn (Rheumatologie): Bei fehlendem klinischem und laborchemischem Nachweis einer chronisch entzündlich-rheumatischen Erkrankung können zum Beispiel Muskel-Sehnen-Ansatzpunkte, sog. Tender points oder auch Triggerpunkte das Bild einer multilokulären Tendomyopathie darstellen. Es kann sich hier um ein Fibromyalgie-Syndrom, differenzialdiagnostisch eine somatoforme Schmerzstörung handeln.

MED News: Was erwartet Herrn Franke in der hämatoonkologischen Praxis?

Frau Dr. Kreiter (Hämato-Onkologie): Wir hatten in der letzten MED News (Ausgabe Juni 2011) über Anämien geschrieben. Der Ausgleich eines Eisenmangels führt häufig zu einer Befindlichkeitsverbesserung. Natürlich
gehört die normale Krebsvorsorge zur Differentialdiagnostik eines Leistungsabfalls dazu.

MED News: Ist nicht vielleicht eine Unterfunktion der Schilddrüse die Wurzel allen Übels bei Herrn Franke?

Dr. Vancura & Prof. Dr. Wüster (Nuklearmedizin bzw. Endokrinologie): Die manifeste Unterfunktion der Schilddrüse kann ähnliche Symptome hervorrufen wie das chronische Müdigkeits-Syndrom bzw. ein Burn-out-Syndrom. Durch die Gabe von Schilddrüsenhormonen sind diese Symptome aber dann komplett zu beheben. Häufig führt aber das Hamsterrad, aus dem Herr Franke nicht mehr heraus kommt, umgekehrt zu einer schmerzlosen (autoimmunbedingten) Schilddrüsenentzündung (Hashimoto).

MED News: Welche sonstigen Hormone können bei Herrn Franke gestört sein?

Prof. Wüster (Endokrinologie): Patienten mit Burn-out-Syndrom oder auch Patienten mit endogener Depression haben eine gestörte Regulation zwischen Hirnanhangsdrüse und Nebenniere. Eine niedrig dosierte Cortison-
Ersatztherapie kann begleitend solchen Patienten helfen.

Schwerkranke Patienten regulieren ihr Fortpflanzungssystem herunter. In Krisenzeiten verlieren Frauen ihre Periode, Männer haben Erektionsprobleme. Bei Herrn Franke ist das Testosteron im Blut sicherlich niedrig, eine begleitende Testosterontherapie kann in ihm gute Unterstützung bei den therapeutischen Bemühungen seiner Beschwerden
leisten.

MED News: Herr Franke benötigt also eine komplexe, therapeutische Intervention sowohl durch den Hausarzt, gegebenenfalls der Fachärzte
und evt. einem Psychologen (Abbildung). Die Verhaltenstherapie ist für
Patienten mit schwerem Burn-out-Syndrom die schlussendlich einzige
Hilfe. Herr Franke muss lernen kürzer zu treten, sich auf die wesentlichen
Dinge zu konzentrieren. Er muss lernen auch einmal nein sagen zu können und sich wieder mehr Zeit für seine Hobbys und sportlichen Aktivitäten gönnen. Eine sogenannte „Auszeit“ hilft hier das Leben neu zu sortieren.

Das Interview führte für die MED News Prof. Dr. Christian Wüster

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