MED Facharztzentrum
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Die „Abnehmspritze“

03. Jun 2026

Individuell, maßgeschneidert, nachhaltig sowie unter ärztlicher Anleitung und Überwachung

von Alexander David Klaeser & Prof. Dr. med. Dr. h.c. Christian Wüster

In den letzten Jahren haben sich sogenannte „Abnehmspritzen“ zu einem wichtigen Instrument der medizinisch begleiteten Gewichtsreduktion entwickelt.

Die bekanntesten Vertreter sind Semaglutid und Tirzepatid, beides Wirkstoffe, die ursprünglich zur Behandlung des Typ-2-Diabetes entwickelt wurden. Sie gehören zur Klasse der Inkretinmimetika – also Substanzen, die körpereigene Hormone wie GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1) beziehungsweise GIP (Glucose-dependent Insulinotropic Polypeptide) nachahmen.

1. Allgemeines zum Wirkprinzip von Semaglutid und Tirzepatid

Semaglutid wirkt als GLP-1-Rezeptoragonist, während Tirzepatid eine duale Wirkung zeigt, indem es sowohl an GLP-1- als auch an GIP-Rezeptoren bindet. Diese hormonelle Doppelwirkung führt zu einer ausgeprägten Appetitreduktion, einer Verzögerung der Magenentleerung und einer Verbesserung des Zuckerstoffwechsels. Diabetische Stoffwechsellagen normalisieren sich, Insulinspiegel werden stabilisiert, und gleichzeitig sinkt das Hungergefühl deutlich.

Zahlreiche Studien – darunter die STEP- und SURPASS-Programme – belegen die Effektivität: Patienten verlieren unter Semaglutid im Schnitt 15–17 Prozent Körpergewicht, unter Tirzepatid sogar bis zu 22 Prozent in sechs Monaten. Dieser Effekt übertrifft sämtliche bisherigen pharmakologischen Ansätze zur Gewichtsreduktion deutlich. Zudem sinken Blutdruck, Blutfette und Entzündungsmarker.

2. Beschreibung der unerwünschten Arzneimittelwirkungen

Wie bei jedem wirksamen Medikament treten auch bei GLP-1-Analoga Nebenwirkungen auf. Am häufigsten sind gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl, Erbrechen oder Durchfall, insbesondere in der Einstiegsphase der Therapie und nach Diätfehlern. Diese Symptome entstehen durch die verlangsamte Magenentleerung und lassen sich durch einen langsamen Dosisaufbau und durch entsprechende Nahrungsanpassung meist gut kontrollieren.

Weitere gelegentliche Nebenwirkungen sind Verstopfung, Aufstoßen oder Kreislaufbeschwerden. In Einzelfällen wurden Gallensteinleiden oder Bauchspeicheldrüsenentzündungen beschrieben – ein Grund, warum Patienten mit entsprechender Vorgeschichte besonders sorgfältig überwacht werden sollten. Vereinzelt wurden Augensymptome und -Erkrankungen berichtet und bisher vor allem bei Diabetikern beschrieben.

Langzeitdaten zeigen bisher keine Hinweise auf schwerwiegende Organschäden oder vermehrte Tumorbildung beim Menschen, jedoch ist eine regelmäßige ärztliche Begleitung unerlässlich, um Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen.

Durch die Änderung der Ernährung kann es zu einem Mangel an Vitaminen und Spurenelementen kommen, weshalb eine nährstoffdichte Ernährung und ggf. zusätzlich die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln empfohlen wird.

Osteoporosen entstehen wohl nur bei der Langzeitgabe bei Diabetikern und lassen sich durch prophylaktische
Vit
amin-D-Gaben vermeiden. Regelmäßige Knochendichte-
messungen werden empfohlen.

3. Praktische Durchführung und Beginn der Therapie

Die Behandlung wird mit der niedrigsten verfügbaren
Dosis gestartet – z. B. 0,25 mg Semaglutid oder 2,5 mg
Tirzepatid pro Woche – und in 4-wöchentlichen Intervallen
langsam gesteigert. Diese titrierte Anpassung dient der Verträglichkeit und der individuellen Feinabstimmung des Wirkprofils. Individuell ist es auch möglich, je nach
Ansprechen, auf einer niedrigen Dosis zu bleiben, solange die
Gewichtsreduktion anhält oder zufriedenstellend ist.

Parallel zur medikamentösen Behandlung sollte eine
Anpassung der Lebensgewohnheiten erfolgen. Dies umfasst eine Ernährungsumstellung, regelmäßige Bewegung
und eine bewusste Tagesstruktur. Die entscheidende
Botschaft lautet: Abnehmen ist ohne hormonelle Unterstützung oft schwierig, insbesondere bei metabolischer Dysregulation, genetischer Prädisposition oder nach zahlreichen erfolglosen Diätversuchen. Die Spritze verschafft hier eine biochemische „Rücksetzung“ des Hunger-
Sättigungs-Systems und erleichtert es, neue Gewohnheiten aufzubauen und langfristig zu halten. Diejenigen Patienten, die Diät halten und die sportliche Betätigung in ihren normalen Lebensrhythmus integriert haben, nehmen am besten ab und haben die niedrigste Reboundrate.

Nach Abschluss der Therapie ist es wesentlich einfacher, das erzielte Gewicht zu stabilisieren – vorausgesetzt,
angepasste Ernährung und Sport werden konsequent fortgeführt. Mit 20-30 kg geringerem Körpergewicht ist es auch sehr viel leichter und angenehmer, regelmäßige sportliche Betätigung durchzuhalten.

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4. Ernährungsempfehlungen während der
Behandlung

Eine wirksame Therapie gelingt nur in Verbindung mit einer ausgewogenen, eiweißreichen Ernährung. Da das Sättigungsgefühl bereits nach kleinen Portionen einsetzt, sollte man Mahlzeiten in kleinere, gut verdauliche Einheiten aufteilen.

Empfohlen werden pflanzliches und mageres tierisches Protein (z.B. Fisch, Geflügel, Hülsenfrüchte, fettarme Milchprodukte, Eier, Seitan, Nüsse und Samen) sowie reichlich Gemüse. Ballaststoffreiche Beilagen müssen auf
Verträglichkeit getestet werden. Fett und schnell resorbierbare Kohlenhydrate – etwa Weißmehlprodukte, Süßigkeiten oder zuckerhaltige Getränke – sollten vermieden werden.

Wichtig ist auch der Verzicht auf Alkohol, da er sowohl den Fettabbau behindert als auch das Hypoglykämie-Risiko verstärkt. „Freie Glukose“ (Zuckerzusatz) ist zu vermeiden, da sie das metabolische Gleichgewicht stört und die Appetitkontrolle beeinträchtigt.

Es gibt Patienten, die kurz vor Beendigung der Behandlung mehrere Tage bis Wochen nur Flüssigkeit und Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen.

5. Aufbau eines persönlichen Sportkonzeptes

Bewegung ist ein zentraler Bestandteil der Therapie – nicht als Zwang, sondern als Freude an Aktivität. In den ersten Wochen, wenn der Körper sich an die reduzierte Energiezufuhr gewöhnt, genügt oft schon regelmäßiges Spazierengehen, leichtes Radfahren oder Wassergymnastik.

Mit zunehmender Fitness kann das Programm schrittweise
erweitert werden: Krafttraining zur Stabilisierung und Aufbau der Muskulatur, gelenkschonendes Ausdauertraining und Übungen zur Koordination. Entscheidend ist, dass die Bewegungsform Spaß macht, in den Alltag passt und der körperlichen Situation entspricht.

Gerade bei älteren oder gebrechlichen Patienten sollten Übungen gewählt werden, die realistisch und sicher umzusetzen sind – etwa Stuhlgymnastik, Aquajogging oder leichtes Stretching. Ziel ist der Aufbau einer dauerhaften Bewegungsroutine, die auch nach Ende der medikamentösen Therapie weitergeführt wird.

Ansonsten ist ein regelmäßiges sportliches Training auch immer mit einer Verbesserung der mentalen Gesundheit assoziiert. Sport führt Energie zurück und macht weniger müde. Wir empfehlen ein kombiniertes Bewegungsprogramm aus Ausdauer- und Krafttraining. Sinnvoll sind mindestens 150 Minuten Ausdauertraining am Stück 2-3x pro Woche, z.B. zügiges Gehen, Laufband, Fahrrad oder Crosstrainer, verteilt auf 3–5 Einheiten, ergänzt durch Kraft-
training an mindestens 2 Tagen pro Woche.

Die Pulsschwelle sollte dabei individuell gewählt werden, sie hängt vom Trainingszustand ab. Die Verwendung einer Pulsuhr wird dringend empfohlen, wenn möglich Anbindung an einen Trainer.

6. Ärztliche Begleitung der Behandlung

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die kontinuierliche ärztliche Betreuung. Empfohlen werden regelmäßige Kontrolltermine im Vierwochenrhythmus, bei denen Körpergewicht, Kreislaufparameter, Laborwerte und Verträglichkeit überprüft werden.

In diesen Sitzungen kann die Dosis bei Bedarf angepasst oder gesteigert werden. Gleichzeitig werden Fortschritte besprochen und Motivation sowie Lebensstiloptimierung verstärkt. Diese enge Begleitung dient nicht nur der Sicherheit, sondern wirkt auch stabilisierend auf die Compliance des Patienten.

7. Vermeidung des Rebounds nach Therapieende

Bereits zu Beginn der Behandlung sollte thematisiert werden, dass das eigentliche Ziel nicht nur der Gewichtsverlust, sondern die Vermeidung des Wiederanstiegs („Rebound“) ist. Ohne begleitende Maßnahmen werden viele Patienten nach dem Absetzen innerhalb von drei bis vier Monaten wieder ihr Ausgangsgewicht erreichen. Das Hormon- und Hungersystem kehrt dann zu alten Mustern zurück. Deshalb ist es entscheidend, frühzeitig nachhaltige Strukturen – Ernährung, Bewegung, Verhaltensmuster – aufzubauen, die das neue Gleichgewicht stabilisieren. Die Spritze fungiert gewissermaßen als „Lehrmeister“ für das neue Ess- und Bewegungsempfinden.

8. Konzepte zur Rebound-Prävention

Zur langfristigen Stabilisierung haben sich mehrere Strategien bewährt:

Ein Ausschleichen von Wegovy oder Mounjaro ist
medizinisch nicht obligat, kann in der Praxis jedoch sinnvoll sein, um Appetitsteigerung und Rückfall in frühere Essmuster abzufedern.

Fortsetzung der Therapie in niedriger Dosierung mit verlängerten Injektionsintervallen (z. B. alle 14 Tage).

Vertiefte Ernährungsberatung zur Festigung neuer Essgewohnheiten und zur Verhinderung des Food Noise.

Langfristige Bewegungstherapie, idealerweise mit Spaß- und Sozialfaktor (Familie, Sportgruppen,
Walking-Treffen).

Einsatz von digitalen Tools (Apps, Waagen, Tagebuchfunktionen) zur Eigenkontrolle.

Diese Konzepte verhindern, dass alte Muster zurückkehren, und fördern eine nachhaltige metabolische Umstellung. Der Rebound wird damit nicht nur vermieden, sondern das neue Gewicht körperlich und psychisch „verankert“.

9. Kosten der Therapie

Derzeit werden die Präparate in der Indikation Adipositas weder von gesetzlichen noch von privaten Krankenkassen (Ausnahmen bestätigen die Regel) übernommen, auch wenn die Gewichtsreduktion medizinisch klar indiziert sein kann. Es gibt auch keine Ausnahmen oder Sonderregelungen.

Die monatlichen Kosten betragen – je nach Präparat und Dosierung – zwischen 170 und 500€EUR/Monat. Viele
Patienten berichten jedoch, dass sich diese Ausgaben teilweise durch geringere Lebensmittelkosten ausgleichen. Die wohl größte „Nebenwirkung“ dürfte allerdings eine
erfreuliche sein: die Notwendigkeit einer neuen Garderobe nach 20 bis 30 Kilogramm Gewichtsverlust.

Langfristig kann die Therapie indirekt Vorteile (auch finanziell) bringen – etwa durch weniger Medikamente gegen Bluthochdruck, Gelenkbeschwerden oder Diabetes und durch ein insgesamt verbessertes Wohlbefinden. Patienten sind weniger häufig krank.

Fazit

Die Behandlung mit Semaglutid oder Tirzepatid eröffnet einen neuen Weg zu nachhaltiger Gewichtsreduktion. Voraussetzung für den Erfolg ist aber immer eine ärztlich gesteuerte, ganzheitliche Begleitung mit klaren Ernährungs- und Bewegungszielen.

Das „Abnehmen mit Spritze“ ist kein kosmetischer Trend, sondern kann ein Wendepunkt hin zu neuer Gesundheit, Energie und Lebensqualität sein.

Alexander Klaeser

Facharzt für Innere Medizin

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Christian Wüster

Facharzt für Innere Medizin/ Endokrinologie, Osteologie, MED Facharztzentrum, Hormon- & Stoffwechselzentrum, Prof. für Osteologie (Univ. Mainz)

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