MED Facharztzentrum
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Ein Virus - weltweit auf dem Vormarsch

01. Nov 2020

Eine Zwischenbilanz, Juli 2020

Ein Virus - weltweit auf dem Vormarsch

Eine Zwischenbilanz, Juli 2020

Seit einem halben Jahr hält uns ein kleines unsichtbares Virus im wahrsten Sinne des Wortes „in Atem“ und bedroht flächendeckend menschliches Leben. Inzwischen (Stand 19. Juli 2020) sind mehr als 14,3 Millionen Menschen erkrankt, davon mehr als die Hälfte genesen, mehr als 602.000 verstorben.

Wir alle erlebten eine Dynamik und befanden uns in einer steilen Lernkurve für einen Zustand, der erst am 11. März von der WHO als Pandemie eingestuft wurde. Am 28. Januar gab es den ersten Fall in Deutschland im Landkreis Starnberg, am 27. Februar die erste Infektion in Heinsberg, am 14. März wurden die Schulschließungen angekündigt und am 22. März das Kontaktverbot beschlossen.

Die offene Diskussion in den Medien, die Beratung der Politik durch eine Wissenschaftsgruppe – die Virologen, die bisher still in ihren Laboren forschten –, die täglichen neuen Informationen an die Bevölkerung, teilweise auch mit Korrekturen - da lernfähig -, die besonnene, aber dennoch sehr strikte Umwandlung und Vorbereitung der gesamten Klinik- und Praxisstruktur des Landes, die schnell angekündigten Hilfsmaßnahmen für wirtschaftlich Betroffene, die zum großen Teil auch fließen, der Shutdown eines ganzen Landes, der weitgehend toleriert und gelebt wurde: die Kurve der Infizierten stieg nicht mehr so steil an und die Zahl der Todesfälle/Tag nahm in Deutschland stetig ab.

Dr. med.   Dagmar Gillmann-Blum

Es war für alle eine neue Situation und es gab keinen Präzedenzfall dafür, an dem man sich orientieren konnte.

Im Vergleich zu vielen anderen Industriestaaten und z.B. auch nahen Nachbarn wie Belgien oder Großbritannien wurde die Krise hier gut überstanden, wenn auch jede/r der in der BRD über 9.000 Covid-19-Verstorbenen eine/r zu viel ist.

Die Politik hat gehandelt und unterstützt.

Das deutsche Gesundheitswesen, das auf drei starken Säulen ruht – der ambulanten medizinischen Versorgung mit einer ausgeprägten Hausarzt- und Facharztstruktur, der stationären medizinischen Versorgung in Krankenhäusern und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst – hat sich in der Krise sehr gut bewährt. Gleichzeitig haben alle Bürgerinnen und Bürger dazu beigetragen Infektionsketten zu durchbrechen, indem Sie Abstand gehalten, verstärkt auf Handhygiene geachtet und ihre Kontakte eingeschränkt haben. 6 von 7 Covid-19-Patienten konnten ambulant behandelt werden.

Die stationäre Versorgung kam nie an Kapazitätsgrenzen, Patienten aus dem Ausland konnten zusätzlich behandelt werden. Es gab einen kräftigen Schub und eine hohe Akzeptanz für die Digitalisierung im Gesundheitssystem.

Die „Wucht der großen Zahlen *

„Um die enorme Wucht zu veranschaulichen, die

exponentielles Wachstum entfalten kann, wird häufig die Legende vom Erfinder des Schachspiels zitiert, der von einem indischen König erbat, in Reiskörnern entlohnt zu werden:

Ein Korn für das erste Feld des Schachbretts und von da an immer doppelt so viele – zwei für das zweite Feld, vier für das dritte, acht für das vierte. Nichtsahnend willigte der König ein. Damit hätte er für das letzte Spielfeld eine neunzehnstellige Zahl an Reiskörnern auftreiben müssen, was der globalen Ernte mehrerer Jahrhunderte entspricht.“

Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Es gibt kein typisches Krankheitsbild von Covid-19. Die gute Botschaft ist, dass ca. 81% der Erkrankten einen milden bis asymptomatischen Krankheitsverlauf haben, 14 % jedoch einen schweren und 5% einen kritischen Krankheitsverlauf erleiden. Sehr häufig sind Atemwegsinfektionen, beginnend mit Husten, Fieber und Schnupfen, in der zweiten Woche häufig mit einer Lungenentzündung, die schnell beatmungspflichtig werden kann.

Komplizierend treten Durchblutungsstörungen aufgrund einer intensivierten Gerinnung z.T. mit schweren Lungenembolien auf. Es gibt aber auch rein neurologische Verläufe beginnend mit Kopfschmerzen, Geruchs- und Geschmacksstörungen bis zu Gehirn- und Hirnhautentzündungen; es wird über Magen-Darm-Beschwerden, Herzbeteiligung, Nierenversagen und zahlreiche unterschiedliche Hautveränderungen berichtet.

Nach der Krise ist vor der Krise oder auch  „There is no glory in prevention“*

Mathematisch betrachtet verbreiten sich Epidemien nach dem gleichen Prinzip. Entscheidend für die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist die Zeitspanne, in der sich die Fallzahlen jeweils verdoppeln. Die Zahl R, die sogenannte Reproduktionszahl, gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter während seiner Erkrankung mit dem Erreger ansteckt. Liegt der Wert unter eins, verringert sich die Zahl der Neuinfektionen. Liegt er darüber, breitet sich das Virus weiter aus.

Die Sterblichkeitsrate, besser Fall-Verstorbenen-Anteil (case fatality rate) durch das Coronavirus (SARS-CoV-2) variiert stark zwischen den betroffenen Ländern. So belief sie sich in Italien bis zum 14. Juli 2020* auf rund 14,4 %, in Belgien bei 15,5% In Deutschland hingegen lag diese bislang durchschnittlich bei rund 4,5 %

In Deutschland liegt die Erkrankungshäufigkeit im mittleren Alter, die Sterblichkeitsrate ist aber ganz besonders bei den über 80-Jährigen hoch.


Nach der Krise ist vor der Krise oder auch „There is no glory in prevention“*

„Es gibt keinen Ruhm für die Prävention“ oder anders ausgedrückt „Risiken zu vermeiden, wird nicht honoriert“, verwendete Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charite in einem seiner Podcasts am 13.03.2020.

Nach der Krise müssen wir uns fragen, was wir bereit sind für Krisen und auch Katastrophenschutz in Zukunft auszugeben. Die BRD hatte zwischen 2002 und 2009 für 330 Millionen EUR das Grippemedikament Tamiflu für 20% der Bevölkerung bevorratet nach Empfehlung der WHO. 2019 hat die BRD mit 190 Millionen Kaliumiodid-Tabletten für den Fall eines Reaktorunfalls den Vorrat aufgestockt, für insgesamt 8,4 Millionen EUR. Die anfängliche Maskenknappheit und der Mangel an Desinfektionsmitteln bestanden, nicht weil keine da waren, sondern weil sie plötzlich massenhaft gebraucht wurden, weltweit gleichzeitig.


Die Lehre wird sein müssen, diese massenhaft in Zukunft zu bevorraten und dazu auch in der BRD und Europa teurer herzustellen. Belgien hatte erst 2019 insgesamt 6 Millionen Schutzmasken entsorgt, die 2009 wegen der Schweinegrippe angeschafft wurden, weil diese nicht mehr haltbar waren. Es wird später die Frage zu stellen sein, was wir bereit sind dafür zu zahlen und: können wir wirklich jede Katastrophe absichern? Wahrscheinlich nein, denn eine Krise zeichnet sich dadurch aus, dass etwas fehlt, was man nicht vorhergesehen hat.

Was können wir aktiv tun?

Wir sollten keinen Verschwörungstheoretikern glauben, die es leider auch in Gesundheitsberufen gibt, sondern die Erkrankungs- und Todeszahlen aus dem Ausland ernst nehmen. Wir sollten uns an die Maskenpflicht in geschlossenen Räumen halten, in denen der 1,5m Abstand nicht möglich ist wie beim Einkauf, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Praxen und im Krankenhaus, wahrscheinlich solange die Neu-Erkrankungszahl pro Tag in Deutschland über 100 liegt. Der Nutzen der Maske ist seit langem bekannt: 

Oder würden Sie sich von einem Chirurgen oder Zahnarzt ohne Maske behandeln lassen wollen?


Wir sollten uns alle gegen Grippe impfen lassen. Denn je mehr dies tun werden, desto weniger Superinfektionen wird es geben und desto besser können wir Coronapatienten als solche erkennen und behandeln. Dasselbe gilt für die Pneumokokken-Impfung ab einem Alter von 60 Jahren oder für chronisch Kranke.


Und wir sollten „die App“ runterladen...

Ein Plädoyer für die „Corona-Warn-App“

Die Corona-Warn-App ist neben Hygienemaßnahmen wie Händewaschen, Abstandhalten und Alltagsmasken ein wirksames Mittel, um das Coronavirus einzudämmen. Ziel ist es damit schneller und umfassender Personen zu identifizieren und zu benachrichtigen, die in den letzten 14 Tagen einen epidemiologisch relevanten Kontakt mit einer Corona-positiven Person hatten. Somit können auch relevante Kontakte mit Unbekannten im öffentlichen Raum abgebildet werden, die über die klassische Nachverfolgung durch das Gesundheitsamt auch nach aufwendiger Befragung der Infizierten nicht ermittelt werden könnten, wie z.B. der Sitznachbar im Bus.

Die Corona-Warn-App ist ein Projekt im Auftrag der Bundesregierung und wurde vom Robert Koch-Institut (RKI) fachlich ausgestaltet und herausgegeben. Seit Mitte Juni ist die kostenlose Corona-Warn-App zum Download im Apple App-Store und Google-Play-Store verfügbar und läuft auf Android- und iOS-Smartphones. Das Herunterladen und Nutzen der App ist freiwillig. Sie dokumentiert die digitale Begegnung zweier Smartphones über Bluetooth-Technik und erkennt die Dauer einer Begegnung und die Distanz zwischen den Nutzern. Wenn die vom RKI festgelegten Kriterien zu Abstand und Zeit erfüllt sind (unter 2 Meter über 15 Minuten), tauschen die Geräte untereinander Zufallscodes aus. Sie zeigt drei Statusinformationen an: niedriges Risiko, erhöhtes Risiko, unbekanntes Risiko.

Wenn Sie die App installiert haben, prüft diese für Sie, ob Sie die Corona-positiv getestete Person getroffen haben. Diese Prüfung findet nur auf Ihrem Smartphone statt. Falls die Prüfung positiv ist, zeigt Ihnen die App eine Warnung an. Man erhält keine Echtzeitwarnung aus Gründen des Datenschutzes. Durch eine dezentrale Datenspeicherung ist keine Personalisierung möglich, weder über den Nutzer oder seinen Standort.

Wenn man durch die App gewarnt wird, sollte man ärztliches Fachpersonal kontaktieren, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117 wählen oder sich ans örtliche Gesundheitsamt wenden und das weitere Vorgehen abklären. Corona-Tests für gewarnte, symptomlose App-Nutzende werden finanziert.

Werden Personen, die die App nutzen, positiv auf das Coronavirus getestet, können sie freiwillig anonym andere Nutzer darüber informieren und damit warnen und schützen... und haben selbst hoffentlich einen milden Verlauf...

Wir wissen, was wir nicht wissen

  • Wir wissen inzwischen einiges über Covid-19, aber vieles noch nicht.

  • Wir wissen nicht, ob ein Antikörpernachweis einer gesicherten Immunität entspricht.

  • Wir wissen nicht, ob man nicht gleich wieder an Covid-19 erkranken kann.

  • Wir wissen nicht, ob wir eine wirksame Impfung haben werden, und wann.

  • Wir wissen nicht, ob und wann wir wirksame Medikamente haben werden.

  • Wir wissen nicht, wie schnell das Virus sich verändert (mutiert).

  • Wir sind überrascht, dass das Virus auch in der heißen Jahreszeit hochaktiv ist

  • (USA, Israel, Südamerika).

  • Wir wissen nicht, wie viel andere Krankheiten durch den Shutdown verschleppt wurden.

  • Wir wissen nicht, wie stark sich die Welt nach der Pandemie verändert haben wird.

  • Wir wissen nicht, ob und wann eine 2. Welle kommt oder ob es eine „Dauerwelle“ bleibt.

Fazit

Wenn Sie aktiv etwas gegen die Verbreitung von Covid-19 tun wollen, lassen Sie sich jeden Herbst gegen Grippe impfen, einmalig gegen Pneumokokken, glauben Sie keinen Verschwörungstheoretikern und laden Sie sich die „Corona-Warn-App“ auf Ihr Handy. Bleiben Sie gesund und achtsam mit sich und ihren Mit-Menschen!

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